Perspektiven auf: Entscheidungen · Zeitgeist
Lesedauer: 2 Minuten
Neulich stand ich im Supermarkt an der Kasse. Vor mir warteten drei Menschen, hinter mir vier. Es war einer dieser alltäglichen Momente, die kaum Aufmerksamkeit verdienen – bis sich plötzlich eine zweite Kasse öffnete.
Innerhalb weniger Sekunden veränderte sich die Stimmung. Einkaufswagen wurden gedreht, Blicke wanderten suchend durch den Raum, jemand entschuldigte sich hastig, während er sich seitlich an den anderen vorbeischob. Die Schlange, in der ich stand, löste sich beinahe reflexartig auf. Nur eine ältere Dame blieb gelassen stehen, lächelte kurz und sagte mit einer Ruhe, die in diesem Moment fast aus der Zeit gefallen wirkte: „Am Ende dauert es sowieso gleich lang.“
Ich blieb ebenfalls stehen, allerdings nicht aus derselben Gelassenheit, sondern aus Neugier. Denn plötzlich interessierte mich weniger die Frage, welche Schlange sich schneller bewegen würde, als das Verhalten der Menschen um mich herum.
Es ist erstaunlich, wie schwer uns das Warten fällt. Dabei geht es selten um die zwei oder drei Minuten, die wir tatsächlich verlieren. Viel häufiger scheint uns etwas anderes zu beschäftigen: das Gefühl, möglicherweise die falsche Entscheidung getroffen zu haben. Sobald sich eine weitere Kasse öffnet, wird aus einer Warteschlange ein kleiner Wettbewerb, in dem jede Bewegung der anderen neu bewertet wird. Wer wechselt? Wer bleibt? Und wer hat sich am Ende für die bessere Alternative entschieden? Während die neue Schlange zunächst schneller vorankommt, beginnt in der alten bereits das stille Rechnen, bei dem jeder Einkaufswagen und jede Person unwillkürlich zum Maßstab für die eigene Entscheidung wird.
Gerade diese unscheinbaren Momente erzählen erstaunlich viel über unsere Zeit. Wir scheinen uns immer schwerer damit zu tun, einfach dort zu bleiben, wo wir gerade sind, weil jede neue Möglichkeit augenblicklich die Frage hervorruft, ob sie nicht besser sein könnte als die bisherige. Aus einer Alternative wird so beinahe automatisch eine Versuchung – nicht, weil das Bessere sicher wäre, sondern weil allein seine Möglichkeit genügt, Zweifel an der eigenen Entscheidung zu wecken.
Vielleicht erklärt genau das, warum viele Menschen heute weniger unter ihren Entscheidungen leiden als unter den unzähligen Möglichkeiten, die sie nicht gewählt haben. Wer sich für einen Beruf entscheidet, denkt irgendwann an den anderen. Wer in einer Stadt lebt, fragt sich, wie das Leben anderswo wäre. Wer ein Buch liest, entdeckt daneben zehn weitere, die ebenfalls interessant erscheinen. Und selbst im Urlaub fällt es manchen schwer, den Blick auf das Meer zu richten, weil das Smartphone längst die nächste Reise verspricht.