Perspektiven auf: Aufmerksamkeit · Zeitgeist

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In einem Wartezimmer fiel mir auf, dass niemand wartete.

Vielleicht zehn Menschen saßen verteilt auf den Stühlen entlang der Wände einer Arztpraxis. Manche hatten ihre Jacke über den Schoß gelegt, andere eine Tasche neben sich abgestellt. Es war ruhig, fast ungewöhnlich ruhig für einen Raum, in dem Fremde gemeinsam Zeit verbringen. Erst beim genaueren Hinsehen wurde deutlich, wodurch diese Stille entstand. Fast jeder Blick war auf einen Bildschirm gerichtet. Da wurden Nachrichten beantwortet, Schlagzeilen gelesen, kurze Videos angesehen oder E-Mails geschrieben. Nur wenn die Arzthelferin einen Namen aufrief, hoben sich für einen Augenblick alle Blicke, bevor sie wenige Sekunden später wieder auf die Displays zurückkehrten.

Ich bemerkte, dass meine Hand bereits in der Jackentasche lag.

Nicht, weil ich etwas Dringendes erledigen musste. Es gab keine wichtige Nachricht, auf die ich wartete, keine E-Mail, die keinen Aufschub duldete. Und trotzdem schien es beinahe selbstverständlich, diesen Moment zu füllen. Ich ließ das Smartphone in der Tasche und begann stattdessen, den Raum zu beobachten.

Es geschah erstaunlich wenig.

Eine ältere Dame blätterte geduldig in einer längst veralteten Zeitschrift. Draußen fuhr ein Fahrrad vorbei, dessen Klingel bis ins Wartezimmer zu hören war. Irgendwo summte leise ein Drucker. Mehr passierte nicht.

Und doch hatte ich den Eindruck, dass genau dieses scheinbare Nichts eine eigene Qualität besaß.

Lange saß ich einfach dort und sah zu. Erst allmählich entstand ein Gedanke, der mit dem Wartezimmer zunächst gar nichts zu tun hatte. Eigentlich wartete hier niemand mehr. Wir alle hielten uns zwar im selben Raum auf, doch unsere Aufmerksamkeit war längst woanders. Der Körper blieb sitzen, während der Kopf bereits durch Nachrichten, Schlagzeilen oder soziale Medien wanderte.

Vielleicht hat sich genau darin etwas verändert.

Nicht das Warten selbst.

Sondern unser Verhältnis zu ihm.

Früher war Warten selten angenehm. Niemand freute sich über verspätete Züge oder lange Schlangen. Dennoch besaß diese Zeit eine Eigenschaft, die heute beinahe verschwunden scheint: Sie blieb leer. Wer auf den Bus wartete, beobachtete die Menschen auf der anderen Straßenseite. Wer im Zug saß, blickte aus dem Fenster. Wer einige Minuten übrig hatte, ließ seine Gedanken treiben, ohne ihnen eine Richtung vorzugeben.

Viele gute Gedanken entstehen nicht am Schreibtisch. Sie tauchen auf, wenn der Kopf für einen Augenblick nichts Bestimmtes leisten muss. Gerade in diesen unbeplanten Zwischenräumen beginnen Erinnerungen, Beobachtungen und Ideen plötzlich miteinander in Verbindung zu treten. Vielleicht braucht unser Denken genau jene Momente, die wir heute immer häufiger vermeiden.

Dabei liegt das Problem vermutlich nicht in der Digitalisierung. Im Gegenteil. Sie erleichtert unseren Alltag, verbindet Menschen über große Entfernungen und macht Wissen jederzeit verfügbar. Die eigentliche Veränderung vollzieht sich leiser. Kaum entsteht eine freie Minute, greifen wir fast automatisch zum Smartphone. Die Wartezeit an der Bushaltestelle wird zur Gelegenheit, Nachrichten zu beantworten. Die Fahrt mit dem Aufzug reicht aus, um kurz die Wetter-App zu öffnen. Selbst wenige Minuten vor einem Termin erscheinen lang genug, um noch schnell etwas zu erledigen.

Nicht das Warten ist verschwunden.

Der Leerlauf ist es.

Vielleicht verlieren wir mit ihm nicht einfach nur einige ruhige Minuten. Vielleicht verlieren wir den Ort, an dem Gedanken überhaupt entstehen können.

Als dieser Gedanke auftauchte, fiel mir auf, dass niemand im Wartezimmer ungeduldig wirkte. Niemand schaute ständig auf die Uhr oder seufzte genervt. Und doch schien der bloße Gedanke, einige Minuten ohne Aufgabe verstreichen zu lassen, kaum noch vorstellbar zu sein. Es ging längst nicht mehr darum, Zeit zu gewinnen. Es ging darum, keinen einzigen Augenblick ungenutzt zu lassen.

Als schließlich mein Name aufgerufen wurde, steckte das Smartphone noch immer in meiner Jackentasche. Wenig später blieb ich draußen an einer roten Ampel stehen. Fast automatisch wollte meine Hand erneut danach greifen. Ich bemerkte die Bewegung, ließ sie wieder sinken und wartete einfach.

Es waren vielleicht dreißig Sekunden.

Mehr nicht.

Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte ich nicht versucht, diesen Moment mit etwas zu füllen.

Der Wert der leeren Zeit